Durchs wilde
Muldistan (4)
Von Bad Düben nach Dessau
Die knapp 60 Kilometer bis
Dessau kann man sich eigentlich sparen. Der Weg bis zum Muldenstausee bei
Schlaitz - von der anderen Seite grüßt Bitterfeld - erzählt ein wenig
vom Raubbau an der Natur, deren Narben in Form großer
Braunkohletagebaugebiete, die heute als Seen genutzt werden, unübersehbar
sind.
Ein bisschen vom Geraubten hat sich die Natur inzwischen wieder zurück
geholt. Am See entlang fahren
wir auf dem oberen Weg, steigen nicht, wie von großen Schildern
empfohlen, die Treppen hinunter zum Wiesenweg. Den erreichen wir an der
Biegung nach Westen über eine Naturtreppe sowieso, ehe wir vor dem
"Haus am See" etwa 60 Meter ganz steil wieder hinauf müssen.
Die Seeterrassen haben schon geöffnet, so dass wir uns noch einen Kaffee
gönnen.
Dieser See sollte ein paar Wochen später häufig im Fernsehen und sehen
sein. Sein Name: Goitzschesee (sprich: Gottsche), auch als Bernsteinsee
bezeichnet. Das ist ein Seengebiet, das aus dem ehemaligen
Braunkohlentagebau Goitzsche in Sachsen-Anhalt hervorgegangen ist. Die
Seenplatte besteht aus den Teilseen Mühlbeck, Niemegk, Döbern und Bärenhof.
Der Tagebaurestsee gehört zum Bitterfelder
Bergbaurevier.
Der See umschließt zusammen mit dem Muldestausee
die im Zentrum der Landschaft liegende Ortschaft Pouch.
1990 wurde mit der Flutung durch die Einleitung von Muldewasser begonnen,
die planmäßig 2006 abgeschlossen sein sollte. 2002 ließ jedoch bereits
ein durch das gewaltige Muldehochwasser
ausgelöster Dammbruch an der Mulde die Goitzsche innerhalb von
zwei Tagen um 7 Meter bis weit über den Sollpegelstand volllaufen, bis
sie überlief und dabei die Stadt Bitterfeld teilweise unter Wasser
setzte. Quelle: Wikipedia
All das konnten wir natürlich damals auf unserer Rdatour nicht ahnen. Wir
fragten uns nur, warum ein so kleines, harmlos scheinendes Flüsschen so
hohe Deiche hat. Jetzt wissen wir, warum!
Nach Dessau
So, wie die Landschaft nun eintöniger wird, verschlechtert sich auch das
Wetter. Deshalb radeln wir ohne große Pausen nach Dessau, wo die
Mulde in die Elbe mündet: auf schlechten Wegen oder guten Straßen über
Burgkemnitz und Möhlau. Gegen 15 Uhr erreichen wir die ehemalige Residenz
des Landes Anhalt, in der Hugo Junkers das erste
Ganzmetall-Verkehrsflugzeug der Welt baute. Als Gauhauptstadt der Nazis
gehörte die Stadt zu den bevorzugten Zielen der alliierten Bomber. Die
Innenstadt wurde am 7. März 1945 zu 84 Prozent zerstört, entwickelte
sich zu DDR-Zeiten als drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts zu einem
Industriezentrum, dessen Arbeitskräfte in riesigen Plattenbausiedlungen
wohnten. Seit der Wende hat sich das Stadt sehr zum Positiven entwickelt,
auch wenn die Narben der Vergangenheit nie völlig verschwinden dürften.
Am
Dessauer Hauptbahnhof gibt es eine Touristeninformation, wo uns ein netter
Mann einen kleinen Stadtplan mit den vielen Sehenswüdigkeiten Dessaus in
die Hand drückt. Die Zeit, das hinter dem modernen Bahnhof gelegene
Bauhaus, eines der wichtigsten Architekturdenkmäler des 20. Jahrhunderts,
zu besichtigen, sollte man auf jeden Fall einplanen.
Für
Radfahrer gibt es sogar eine geführte Radtour zu den interessantesten
Orten der Bauhausarchitektur wie Meisterhäuser, Siedlung Törten und
Laubenganghäuser. Namen wie Walter Gropius, Paul Klee, Hannes Meyer und
Wassily Kandiski stehen für das historische Bauhaus, das 1925/26 aufgrund
seiner Schließung in Weimar nach Dessau übersiedelte. Info: agentur
reisewerk, Tel. 03491 / 407280, www.reisewerk.de
Fazit
dieser insgesamt knapp 320 Kilometer langen Tour durchs wilde Muldistan an
die Elbe: Ungeübte sollten sich auf den Abschnitt Zwickau-Bad Düben
beschränken. Denn auf den anderen Teilstücken warten viele
Schwierigkeiten, aber auch jede Menge Sehenswürdigkeiten und kulturelle
Highlights auf all jene, die mit Abenteurlust, Pioniergeist und der Fähigkeit,
sich auch einmal richtig zu quälen, gesegnet sind. Alle anderen sollten
lieber das Auto als Fortbewegungsmittel nehmen, wie es auch die Vogtländer
selber tun, die immer wieder unsere Räder mit dem vielen Gepäck
bestaunten. Waren wir etwa die ersten Radler im wilden Muldistan?
Teil
1
- Teil 2 - Teil 3 - Teil 4
-
Freiberger Mulde
Das Buch zur Tour
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Muldeweg hinterm Deich.

Gedenktafel - das
zerstörerische Hochwasser im August 2002 durchbrach den deich, so dass
das Muldewasser in den See lief und Bitterfeld überschwemmte.

Der
große Braunkohlentagebau bei Bitterfeld vor der großen Flut 2002. 
Der
Weg nach Dessau verläuft vielfach entlang von Straßen. 
Die
Muldebrücke in Dessau (2002). 
Der
Bahnhof in Dessau.
mehr Bilder
zur Muldetour Teil 4 hier
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