Durchs wilde
Muldistan (3)
Vom Wechselburg nach Bad Düben
Pünktlich um Neun, mit noch
etwas bleiernen Beinen, starteten wir bei herrlichem Wetter. Die dritte
Etappe wird zum Tag der Schlösser und Burgen.
Zuerst mussten wir wieder mehrmals ordentlich schieben, ehe wir erneut
nahe am Fluss entlang radeln konnten. So erreichten wir Rochlitz,
wo wir im Angesicht des über einem Wehr thronenden Schlosses auf einer
der zahlreichen Hängebrücken die Mulde überquerten.
Rochlitz
ist wegen des Sächsischen Marmors bekannt, einem in der Nähe abgebauten
marmorähnlichen Vulkangestein namens Porphyr. Uns waren schon die rötlichen
Felder in der Gegend aufgefallen. Anschließend durchradelten wir auf
glatten Asphaltpisten in leicht welliger Gegend mehrere Dörfer. Blühende
Kirsch- und Apfelbäume säumten die kaum befahrenen Wege. Die rostigen
Gleise der toten Bahnstrecke waren unsere ständigen Begleiter. Den gerade
aufblühenden Raps konnten wir schon in der Nase spüren, die Luft wurde
immer milder, der Himmel blauer.
Ein Tag also wie aus einem Radtouren-Bilderbuch. Passend dazu: die
imposante Anlage des über 1000 Jahre alten Schlosses über der
historischen Altstadt von Colditz (über 700 Jahre alt), wo natürlich
auch noch feste gebaut wurde. Das Schloss erlangte als
Kriegsgefangenenlager der Nationalsozialisten zweifelhafte Berühmtheit.
Sogar ein Fluchtmuseum gibt es dort, das die zum Teil intelligenten
Versuche der internierten Offiziere dokumentiert, den alten Mauern zu
entkommen.
In
Colditz gibt es, wie andernorts, auch zwölf Jahre nach der Wende noch
genug verfallene Häuser, deren Erhaltung im Sozialismus nicht die höchste
Priorität hatte. Und bei Straßen und (Rad-) Wegen herrscht besonders im
ländlichen Bereich ebenfalls noch enormer Nachholbedarf.
Nach Grimma
Wir
verlassen die Stadt. Ein paar Kilometer weiter, eine längere Steigung
liegt hinter uns, überqueren wir die Freiberger Mulde, die sich bei
Sermuth mit der Zwickauer vereinigt. Ein kaum noch lesbares Holzschild
weist den Weg zum Zusammenfluss. Kurz hinter Kössern, beim Gasthof
Kleinbothen mit einladendem Biergarten, legen wir unsere Mittagspause ein.
Der Wirt erzählt ein bisschen aus der Geschichte seines Heimatortes und
schenkt uns einen Bierdeckel der nicht mehr existenten Brauerei Colditz.
Wie dieser Brauerei sei es vielen Betrieben dort ergangen: verkauft an
Westler, ausgeschlachtet, stillgelegt. Ein Wunder, dass die
Vogtland-Sachsen trotz alledem ihren Humor behalten haben.
Auf
einer alten Bahntrasse führt uns der Radweg vorbei an der Ruine des
Klosters Nimbschen nach Grimma. Hier besichtigen wir den Markt mit
wunderschönem Renaissance-Rathaus und sehenswerten Bürgerhäusern,
darunter das zum Museum umfunktionierte Haus des Verlegers Georg Joachim Göschen
(1752-1828), der ausgerechnet an diesem Tage 250 Jahre alt geworden wäre.
Göschen, gebürtiger Bremer, hatte als Leipziger Jungverleger Goethes
Schriften herausgebracht und sich dann mit dem Dichterfürsten
zerstritten. Der machte ihm gleich noch den Schiller abspenstig und
wechselte zur Konkurrenz Cotta. Göschens Leistung: Sein florierendes
Unternehmen brachte Vorläufer des Taschenbuches heraus, so dass sich auch
weniger Betuchte damals ein Buch leisten konnten. Am 5. April 1828 starb
der Verleger in Grimma, seinen Verlag verkauften die Erben - ausgerechnet
an Cotta.
Nach Wurzen
Dass
Reisen bildet, zeigt diese Radtour besonders eindrucksvoll. Über Trebsen
mit Schloss radelten wir nach Wurzen - auch hier gibt es natürlich ein
Schloss - und machten auf dem vor dem 13. Jahrhundert angelegten Markt bei
strahlendem Sonnenschein Rast im Schatten des munter plätschernden Ringelnatz-Brunnens.
Er erinnert an den Dichter Joachim Ringelnatz, der 1883 in dieser
schönen Stadt geboren wurde. Frisch renovierte Häuser sorgen hier für
eine Atmosphäre, die zum Weiterfahren einen starken Willen erfordert. Wir
stärkten uns für die letzten knapp 40 Kilometer bis Bad Düben.
Wurzen
nennt sich selbst "Die große
Kreisstadt", und der uns von den freundlichen Damen im Verkehrsamt übergebene
Stadtführer soll uns "Ein gutes Stück Sachsen" vermitteln. Über
16.000 Einwohner zählt der Ort, in dem von 1902 bis 1915 Braunkohle gefördert
wurde, als man an die riesigen Tagebauten aus DDR-Zeiten noch nicht
dachte. Hier wurde schon 1904 eine der ersten elektrischen Straßenbahnen
Deutschlands in Betrieb genommen.
Wurzen, das per S-Bahn an Leipzig angebunden ist, hat die sauerländische
Brauerstadt Warstein sowie das niedersächsische Barsinghausen als
Partnerstädte. Die "Skyline" wird durch die beeindruckenden Türme
der ehemaligen Krietschmühle beherrscht. Der denkmalgeschützete
Stadtkern lohnt auf jeden Fall einen Besuch: Dom St. Marien, Schloss,
Wenceslaikirche, Pesthäuschen und vieles mehr ist im kleinen Stadtführer
als sehenswert angepriesen. Auch wer noch nie eine der in vielen sächsischen
Städten zu findenden Postdistanzsäulen gesehen hat, wird hier fündig.
Nun aber schleunigst weiter!
Rund
sechs Kilometer hatten wir bis Wurzen auf der stark befahrenen Bundesstraße
107 "herunter gestrampelt", um Zeit zu gewinnen. In Schmölen
lockte ein Hinweisschild in den "Stasibunker". Für die
Weiterfahrt mussten wir uns zwischen romantischen, aber schlechten Wegen
durch die Muldenaue und weniger romantischen, aber gut befahrbaren Wegen
rechts des Flusses entscheiden. Wir wählten angesichts der
fortgeschrittenen Uhrzeit letztere Variante über Nischwitz und Thallwitz.
Hinter
Eilenburg wurden die Wege grottenschlecht (Stand: 2002).
Ausgebesserte Stellen mit grobem Schotter oder rutschigem Splitt sowie
schlaglochübersäte Feldwege stellten an Mensch und Material hohe
Anforderungen. Vermutlich sind die Wege heute besser, denn auch an der
Elbe sind als Folgen des Hochwassers viele Wege erneuert worden.
Als
Entschädigung für die "Tor-Tour" gab's beim Fährhaus Gruna
(trotz Ruhetages) von der netten Wirtin Antje Bieligk etwas zu trinken und
sogar Schnittchen. Der Fährmann setzte uns an seinem Ruhetag (Achtung:
Montag ist in Sachsen vieles geschlossen!) für einen Euro pro Nase über.
Nun waren es nur noch wenige Kilometer bis Bad Düben, wo wir nach über
100 Kilometern gegen 20 Uhr die Hammermühle erreichten.
Später erfuhren wir, dass diese Fähre durch das Hochwasser 2002 weit
abgetrieben und schließlich vom Geäst eines Baumes aufgehalten wurde.
Quartier:
Hammermühle, Gasthof und Pension, Lange Str. 2 (Ortsteil Hammermühle),
Tel. 034243 / 22370.
Das Buch zur Tour
Abendstimmung an der Mulde bei Bad
Düben

Fähre in Gruna
Teil
1
- Teil 2 - Teil 3 - Teil 4
-
Freiberger Mulde
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Auf dem Weg zur Basilika "Zum heiligen Kreuz" in Wechselburg.

Die Basilika in Wechselburg.

Blick
über die Mulde am frühen Morgen. 
St.
Otto am Markt in Wechselburg. 
Flotte
Abfahrt nach langem Anstieg. 
Blick
auf Schloss Rocklitz über die Mulde. 
"Würmer
baden" an der Mulde.

Schloss Colditz an der Mulde.
Blick auf die beim Hochwasser 2002 zerstörte Hängebrücke von Grimma.

Das Rathaus in Grimma.

Marktplatz in Wurzen.
mehr Bilder
zur Muldetour Teil 3 hier
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