Durchs wilde
Muldistan (1)
In vier Tagen vom Erzgebirge an die Elbe:
Schöneck - Zwickau - Dessau
Es nieselt. Der Himmel ist dicht
mit schmutziggrauen Wolken
verhangen. Einigen unserer sechsköpfigen Radlergruppe fröstelt. Eben
sind wir mit der Vogtlandbahn in Schöneck angekommen, dem "Balkon
des Vogtlandes". Seehöhe: rund 800 Meter. Ganz in der Nähe fließt
aus einem Teich die Zwickauer Mulde, die uns, später vereint mit der
Freiberger Mulde, von nun an über 300 Kilometer weit begleiten soll.
Als Wessis kannten wir
das Erzgebirge bis dahin vorwiegend in Zusammenhang mit den Namen berühmter
Wintersportler, die in Oberwiesenthal und dem nur wenige Kilometer von Schöneck
gleich an der Grenze zu Tschechien liegenden Klingenthal für Olympia
trainieren. Aber Schöneck? Davon hatte keiner von uns je zuvor gehört.
Warum also ausgerechnet
"die Mulde fahren"? Ein bunter Prospekt, eingesammelt bei einer
Messe für alternativen Tourismus in Hannover, brachte den
Ortsgruppensprecher der ADFC-OG Burgdorf/Uetze auf die Idee, es mal
"ganz weit im Osten" mit dem Radfahren zu probieren und Neuland
zu entdecken. So brachen fünf gestandene Männer und eine radfahrerprobte
Dame am 20. April 2002 in Burgdorf auf. 6.54 Uhr Abfahrt, Umsteigen in
Hannover, Leipzig und Zwickau. Ankunft in Schöneck um kurz nach 14 Uhr.
Auf nach Aue
Schöneck liegt inmitten des
Naturparkes Erzgebirge/Vogtland. Die Schönecker Hochfläche mit ihren
riesigen Fichtenwäldern bildet geologisch den westlichen Ausläufer des
Erzgebirges. Wegen seiner Höhenlage und der ausgedehnten Nadelwälder ist
Schöneck seit Jahrzehnten ein beliebter und stetig mehr besuchter höhenklimatischer
Erholungsort, der seit 1962 den Titel "Staatlich anerkannter
Erholungsort" tragen darf. Fahrradfahrer allerdings werden dort wie
Wesen von einem anderen Stern bestaunt. So kam es den entdeckungsfreudigen
Radlern aus Niedersachsen zumindest vor.
Seit dem Jahre 1370
besitzt die heute etwa 4 000 Einwohner zählende Gemeinde das Stadtrecht,
berichtet der Chronist. Jahrhundertelang nährten sich die Bürger des Städtchens
mühsam von der Waldwirtschaft, dem Ackerbau, der Textilherstellung und
seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch von der Herstellung von
Musikinstrumenten. Den Namen "Zigarrenstadt des Vogtlandes" führte
der Ort bis etwa 1969. Danach folgte die Umstrukturierung dieser Branche
zur Produktion von elektronischen Tasteninstrumenten und Verstärkeranlagen.
Während bei der
Abreise im niedersächsischen Flachland die Birken schon in sattem Grün
standen, brechen hier oben gerade die ersten grünen Spitzen durch die schützende
Knospenhülle. Vom Bahnhof fahren wir auf die Landstraße nach Hammerbrücke
und weiter vorbei an der Talsperre Muldenberg nach Morgenröthe-Rautenkanz.
Auf der nagelneuen Straße herrscht kaum Verkehr. An einem modernen
Funkmast vorbei geht es rasant talwärts. Doch die anfängliche Euphorie
schwindet schnell, denn immer wieder fordern harte Anstiege unsere
Leistungsreserven. Wir merken schnell, dass diese erste Etappe kein
Zuckerschlecken sein wird.
In Hammerbrücke lockt eine Historische Stickerei-Schauwerkstatt zur
Besichtigung. Der Besucher kann erleben, wie die Spitzen und Stickereien
entstehen, die unter dem Markennamen Plauener Spitze weltbekannt wurden.
Spitzen und Stickereien sind im Vogtland seit mehr als 150 Jahren zu
Hause. Gäste aus aller Welt erfreuen sich in der Schauwerkstatt an den
Maschinen aus den 20er Jahren, die jedes Mechanikerherz höher schlagen
lassen.
Raumfahrt hautnah
Wir aber
haben uns aus der beinahe unermesslichen Zahl der öffentlichen und
privaten Museen in dieser Region die Deutsche Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz
herausgesucht. Eine echte MIG-21 der sowjetischen Luftwaffe sowie eine
mobile Raketenbasis mit Satellitenantenne weisen schon von weitem den Weg
zu diesem von einem 1992 gegründeten Verein geführten Museum.
Auf der Internet-Homepage
heißt es: "Hauptanliegen dieser deutschlandweit einmaligen
Exposition ist es, den Nutzen der Weltraumforschung für die Menschheit
einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Ausgehend von einem
geschichtlichen Abriss über die Erkenntnisse und die Entwicklung der
Astronomie und dem Wunsch des Menschen, unseren Heimatplaneten zu
verlassen, werden die ersten Flug- und Raketenexperimente vorgestellt. Der
Bogen spannt sich dann weiter über die ersten künstlichen Erdtrabanten,
die ersten sowjetischen und amerikanischen Männer im All, das
Mondlandeprogramm, erdnahe und intergalaktische Satelliten und Sonden, den
Raumstationen von damals bis hin zur neuen Internationalen
Raumstation."
Wer sich für Technik und speziell für die Raumfahrt interessiert, dürfte
hier angesichts der wirklich faszinierenden Ausstellung sicherlich die
eine oder andere Stunde verweilen. Echte Raumanzüge und Ausrüstungsgegenstände
wie ein Raumfahrthandschuh des Gemini-Programms aus den 60er Jahren gehören
zu den Highlights unter den Exponaten. Eine Tafel mit Unterschriften
beweist, wie viele Kosmonaten und Astronaten schon persönlich diesem
Museum im Geburtsort des ersten DDR-Kosmonaten Sigmund Jähn einen Besuch
abgestattet haben. Der Ort hat außerdem als Sehenswürdigkeit noch den
historischen Hochofen des ehemaligen Hammerwerkes zu bieten.
Ziel
unseres ersten Radeltages jedoch ist die nicht näher rücken wollende
Erzgebirgsstadt Aue. Über Eibenstock, vorbei an der
gleichnamigen Talsperre, dem größten Trinkwasserspeicher Sachsens,
gelangen wir nach Blauenthal, wo Sachsens größter Wasserfall
rauscht. Von dort schieben den langen Anstieg ins malerische Sosa mit
seinen im 17. Jahrhundert erbauten Fach- und Umgebindehäusern hinauf, um
uns gleich hinter dem Gasthof Zum Schützenhaus über einen
wildromantischen Weg mit rauschendem Wildbach wieder ins Tal zu stürzen.
Kalt weht der Fahrtwind uns entgegen, die Finger in den fingerlosen
Radlerhandschuhen werden klamm.
In
Bockau, wo jedes Jahr im August die Wurzelkönigin gekürt wird,
erreichen wir wieder die Mulde. Diese alte Tradition hat ihre Wurzel übrigens
in der Likörherstellung. Denn aus der einst feldmäßig angebauten
Angelikawurzel, so berichtet uns die Gästezeitung des Erzgebirges, wurde
ein Likör hergestellt. Während Wanderer von hier aus gerne den 1019 m
hohen Auersberg in Angriff nehmen, bevorzugen wir möglichst etwas
flacherere Strecken. So radeln wir entlang der Aue an einer verfallenden
Fabrik und dem verlassenen Bahnhof Bockau vorbei in die Bergbaustadt Aue,
die wegen der Zeche Wismut und des gleichnamigen DDR-Oberliga-Fußballklubs
sogar vielen Menschen im Westen Deutschlands ein Begriff war.
Inzwischen spielte Aue auch schon in der 2. Bundesliga.
Die
Eisenbahnstrecke im Muldental, die Aue einst einen zweiten Bahnhof
bescherte, ist längst still gelegt. Hier spüren wir besonders intensiv,
wie hart das Leben in diesem Landstrich sein muss, der schon früher von
vielen Auswanderern aus Not verlassen wurde. Das bisschen Industrie, das
den Menschen Arbeit und Brot brachte, wurde von der "Wende"
gleichsam weggefegt. Mühsam müssen anstelle der ehemals florierenden
Textilindustrie, deren giftige Abwässer einst noch an der Mündung der
Mulde in die Elbe bei Dessau in die Nase stiegen, nun neue Arbeitsstellen
geschaffen werden. Doch viele junge Menschen haben ihre Heimat bereits gen
Westen verlassen.
Ankunft in Aue
Am
Zusammenfluss von Mulde und Schwarzwasser liegt Aue mit zwei prächtigen
Kirchen und seinen farbenprächtigen Bürgerhäusern im Stil der Gründerjahre.
Besonders interessant sind die schönen, meist mit Jugendstilelementen
verzierten Fassaden und Haustüren. Wer Zeit hat, sollte in der rund
20.000 Einwohner zählenden Kreisstadt einen ausgedehnten Spaziergang
unternehmen, vielleicht sogar auf den 512 m hoch in Naherholungsgebiet Heidelsberg
gelegenen Aussichtsturm klettern. Aues Geschichte ist, wie die vieler Orte
des Erzgebirges, eng mit dem Bergbau verbunden. Die Weißerdezeche
lieferte 140 Jahre lang das Kaolin für die Porzellanherstellung nach Meißen.
Das Blaufarbenwerk produzierte aus dem beim nahen Schneeberg
abgebauten Kobald die Farbe Kobaldblau, die auch von den Delfter
Kachelbrennern verwendet wurde. Die Bahnhofsbrücke war übrigens die
erste Spannbetonbrücke Europas.
Wir
übernachten, nach 62 km zurückgelegter Strecke, etwas außerhalb von
Aue, im Ortsteil Alberoda. Dort bietet uns der Erzgebirgshof
(www.erzgebirgshof.de) der Familie Schettler (Tel./Fax 03771 / 35615), ein
ehemaliges vogtländisches Bauernhaus, ein komfortables und dennoch preisgünstiges
Quartier bei gastfreundlichen und kommunikativen Wirtsleuten.
Ausgezeichnetes Frühstück!
Teil 1 - Teil
2- Teil 3 -Teil 4
- Freiberger Mulde
Das Buch zur Tour
zurück zur Hauptseite
|

Ausgangspunkt auf über 800 Meter Höhe: Bahnhof Schöneck.

Die junge Mulde.

In
Morgenröthe-Rautenkranz. 
Besuch
des Raumfahrt-Museums. 
Fußabdruck auf dem
Mond (1972). 
Raumanzüge
von Kosmonauten und Astronauten. 
Fluss
und Straße nahe beieinander.

Schöne Fabrik bei Blauenthal.

Hoch droben auf dem Berg: malerisches Sosa.

Eine alte Fabrik in Bockau (Vogtland) bei Aue.
mehr Bilder
zur Muldetour Teil 1 hier
Radtouren-DVDs
- ideal für Beamerschauen
Info und bestellen hier |