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Masurentour bei herrlichem Sommerwetter

Eine faszinierende 11-Tage-Rundreise mit Fahrrad, Bus und Schiff durchs Seengebiet

Termine

Neugierig schwimmt die Schwanenfamilie an unserem Paddelboot vorbei, das lautlos auf der gemächlich fließenden Krutinna flussabwärts gleitet. Unter herüberhängenden Zweigen bietet der stark mäandernde, kaum hüfttiefe Fluss häufig Schatten, was in diesem heißen Sommer 2006 von allen Paddlern genossen wird. Wir sind in Masuren, dem ehemaligen Ostpreußen, und genießen in diesem polnischen Wasserparadies eine willkommene Abwechslung auf unserer Radtour kreuz und quer durch die masurischen Seen und bis hinauf nach Goldap an die Grenze zu Russland.

Angefangen hatte alles kurz nach Mitternacht am Hauptbahnhof von Hannover. Im Liegewagen lässt sich die gut neunstündige Bahnreise mit dem Euronight nach Warschau ganz gut überstehen, auch wenn an der Grenze, im Bahnhof Frankfurt/Oder alle geweckt werden müssen, weil der Zoll die Personalausweise einsehen möchte. Nach Polens EU-Beitritt ist ja der Reisepass, geschweige denn in Visum, nicht mehr nötig. Früher kaum denkbar! Und so rollen wir dann endlich über die Oderbrücke ins östliche Nachbarland.

Warschaus Hauptbahnhof „Centralna“ ist ein undurchschaubares Labyrinth für jene, die wie wir der Landessprache nicht mächtig sind. Man muss schon suchen, ehe man einen Einheimischen findet, der einem auf Englisch oder gar Deutsch weiterzuhelfen vermag. Schließlich finden wir die große Halle doch, wo uns auch schon Andrzej, unser Reiseleiter, erwartet. Er und sein Bruder Robert transportieren unsere Radlertruppe mit dem 18-sitzigen Bus gen Masuren. Auf dem Anhänger warten nagelneue Fahrräder mit Federgabeln und Siebengangschaltung auf ihren ersten Einsatz.

Die Pension am See

Es ist schon später Nachmittag, als wir endlich die über einem See gelegene Pension Hubertus erreichen und nach dem ausgezeichneten landestypischen Abendbrot relaxen können. 17 Personen, die sich in der Mehrzahl untereinander nicht kennen, sollen sich nun zusammenraufen und gemeinsam elf Tage auf einer Radtour durch Masuren erleben - für Soziologiestudenten eine herrliche Gelegenheit zu Feldstudien. Kurz gesagt: Reibungsverluste gibt es in solch großen Gruppen gerade am Anfang immer, doch nach drei oder vier Tagen haben sich alle aufeinander eingestellt und der Urlaubsgenuss mit Baden, Besichtigungen, Paddeln, zwei Schiffspassagen über die Seenplatte und dem Genießen der abwechslungsreichen Landschaften lässt die anfänglichen Probleme schnell vergessen.

Störche und Dorfläden

Masuren ist ein Land mit nur wenigen Städten, aber vielen kleinen Dörfern. Die Menschen dort müssen vielfach bescheiden leben, weil Arbeitsplätze rar sind. In manchen Dörfern ist fast jeder zweite Erwachsene arbeitslos. Ein Fahrzeug, ein Auto gar, ist dort folglich purer Luxus, was zur Folge hat, dass es fast in jedem Dorf zumindest noch einen Einkaufsladen gibt. Er ist meist auch der Treffpunkt der vom Aufschwung des neuen EU-Mitglieds Ausgeschlossenen, die ihren Kummer schon morgens um neun mit Bier zu betäuben versuche. „Die meisten Jungen ziehen hier weg“, erzählt uns eine alte Frau, die das Deutsch ihrer ostpreußischen Kindheit über die Jahrzehnte gepflegt hat und jeden Sonntag in die evangelische Kirche in Sorquitten geht. „Übrig bleiben die Kinder, die Alten und die, die nicht weg wollen.“

Auf masurischen Wegen zu radeln, ist nicht immer die reine Freude, weil Sandwege, Schotterpisten und Kopfsteinpflaster gelegentlich das Fortkommen hemmen. Da empfiehlt es sich manchmal doch, das Rad zu schieben, was den Vorteil bietet, in aller Ruhe in die weite, leicht hügelige Landschaft zu blicken, sich an im Sonnenlicht den blinkenden Seen zu erfreuen und den ungezählten Störchen beim Überlandflug zuzuschauen. Kein Bauernhaus ohne Storchennest! Manche Häuser sind schon frisch renoviert, während beim Nachbarn das halbe Scheunendach eingefallen ist. Ein Land der Gegensätze, in das seit kurzem auch die reichen Warschauer einfallen, die in von der Lage prädestinierten Dörfer entlang der Seen ihre Prachthäuser bauen und so die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, zwischen Gestern und Heute besonders deutlich werden lassen.

In Masuren wird überwiegend ökologische Landbau betrieben. Das erkennt man leicht daran, das die Kornfelder unberührt von Treckerspuren sind. „Hier haben die Bauern kein Geld, teure Spritzmittel zu kaufen“, erklärt Andrzej. Diese Chance will die masurische Landwirtschaft künftig aktiv nutzen und sich als Ökoparadies Europas darstellen.

Einkommensquelle Tourismus

Da der Tourismus in Masuren inzwischen die wichtigste Erwerbsquelle geworden ist, arbeitet der Staat intensiv an der Verbesserung der Infrastruktur. Nagelneue Hotels, erste Fahrradwegweiser und immer mehr frisch asphaltierte Wege, dazu besonders in den touristischen Zentren ein stark wachsende Angebot an Privatzimmern dürften für einen weiteren Aufschwung sorgen. Solange der Euro in diesem Land nicht eingeführt ist, lebt der Tourist dort wie die „Made im Speck“. Lebensmittel kosten im Dorfladen etwa halb so viel wie in Deutschland; auch die Eintrittsgelder oder die Fahrkarten für Schiff und Schmalspurbahn überstrapazieren niemandes Geldbeutel.

Biertrinker zahlen in Polens Nordosten für 0,4 Liter Helles - landestypisch ohne Schaum abgefüllt - umgerechnet 1,20 Euro (Stand: 2006), Tendenz: steigend). Wer Schaum möchte, muss dies sagen. In Polen ist man fexibel und erfüllt Sonderwünsche durchweg ohne Probleme. Andererseits wird auch viel improvisiert, worauf sich der an starre Zeitraster und das exakte Einhalten von Vorgaben gewohnte deutsche Normalurlauber erst umstellen muss. Und auch auf die hauchdünnen Papierhandtücher und ebensolches Toilettenpapier ...

Elf Tage Masuren haben uns nicht nur eine Lektion in Sachen deutscher Geschichte gebracht, sondern auch Einblicke in das Land unserer östlichen Nachbarn. Außer in Warschau, wo man sein Fahrzeug unbedingt auf einem der vielen bewachten und mit Zäunen umgebenen Parkplätze abstellen und immer ein Auge auf seine Handtasche werfen sollte, hatte unser Reiseleiter Andrzej nirgends Angst um seinen Bus und die Fahrräder. Niemandem ist etwas abhanden gekommen, als wir uns abends zur Abfahrt am Centralna treffen. Alle nehmen neben der sonnengebräunten Haut jede Menge Eindrücke aus einem bis dahin den meisten nur vom Hörensagen her bekannten Land mit nach Hause. Eindrücke, die zu verarbeiten noch eine ganze Weile dauern dürfte. Dieter Hurcks, August 2006

Weitere Informationen auf Anfrage - Termine

Einen detaillierten Reisebericht über eine Gruppenreise im Juli 2006 mit vielen schönen Fotos finden Sie hier
Radtouren auf DVDs finden Sie unter www.radtouren.net  - Landschaften zum Genießen: die schönsten Radelparadiese in Deutschland und drumherum
Masurische Seen - Danzig, Ermland und Masuren - Von Danzig nach Riga - Übersicht
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