Sich aufreiben oder die Radtour gelassen
aussitzen? Kommt auf den Sattel an! Immer noch sind viele unbequeme Exemplare
auf dem Markt; der pressedienst-fahrrad erklärt, worauf es ankommt, wenn man
bequem radeln will.
[pd-f] Fragt man Menschen, warum sie aufs Radfahren verzichten, gehören
Sitzbeschwerden zu den meistgenannten Gründen. „Moderne Sättel sind
Hightech-Produkte“, erklärt Matteo Paccagnella, Marketingchef bei Selle Royal
(www.selleroyal.com), Europas größtem Sattelhersteller aus Italien.
„Unterschiedliche Formen und Materialien sorgen dafür, dass Sitzbeschwerden
eigentlich der Vergangenheit angehören müssten“, so Paccagnella weiter.
Wichtig sei, dass Form und Konstruktion des Sattels zum Fahrer passten, erklärt
der Sattelfachmann. Noch vor wenigen Jahren hatten Alltagsradler kaum Auswahl:
Bis in die 90er Jahre hinein dominierten billige Kunststoffsitze den Markt, bei
deren Gestaltung Ergonomie offensichtlich keine Rolle spielte. Damals bestand
die einzige Alternative im Kernledersattel, dessen mühsames Einfahren, seine
antike Optik und der vergleichsweise hohe Preis jedoch viele Radler
abschreckten.
Heute bieten Hersteller wie Selle Royal bis zu einhundert verschiedene Sättel
an. „Die Kunst ist nun, den individuell Richtigen zu finden und diesen
anschließend auch richtig zu justieren“, erklärt Paccagnella gegenüber dem
pressedienst-fahrrad.
Fahrhaltung beeinflusst Sattelform
„Wer sportlich mit dem Rad unterwegs ist, der hat zumeist auch eine flache
Sitzposition“, weiß Stefan Scheitz von Rennradanbieter Felt (www.felt.de).
Diese Haltung lässt das Becken stärker nach vorne kippen: „Deshalb sind
Sportsättel stets recht schmal und eher lang“, ergänzt Paccagnella. Modelle
wie der „Arione“ von Fizik (www.fizik.com) sind an der Spitze kaum zwei cm
breit und messen in der Länge fast 30 cm.
Umgekehrt lässt sich sagen: Je aufrechter die Haltung auf dem Rad ist, desto
breiter und kürzer sollte der Sattel sein. So zum Beispiel der „Respiro
Relaxed“ von Selle Royal. Er ist bei 27 cm Länge am Heck über 20 cm breit
und damit ideal für Räder mit einer sehr aufrechten Haltung des Fahrers.
„Der ideale Sattel für den Trekkingradler stellt einen Kompromiss zwischen
Sport- und Aufrechtsattel dar“, fasst Katrin Pfeuffer vom Traditionsanbieter
Hercules (www.hercules-bikes.de) zusammen und verweist darauf, dass ein Großteil
der Hercules-Trekkingräder mit einem solchen Allrounder (Selle Royal „Look
In“, ca. 39,90 Euro) ausgestattet sind.
Fahrhaltung bestimmt die Polsterung
„Die Fahrhaltung bestimmt nicht nur die Sattelform, sondern auch die
Polsterung des Sattels“, weiß Scheitz: Je flacher man auf dem Rad sitzt,
desto mehr verteilt sich das Gewicht auf Gesäß und Hände. Doch nicht nur
deshalb sollte die Polsterung beim Sportsattel spärlicher ausfallen.
„Zwischen den rotierenden Beinen und dem nach vorn gekippten Becken ist
schlicht wenig Platz für eine aufwendige Polsterung“, ergänzt Paccagnella.
Diese ist ausgelagert: Sie befindet sich in Form eines Sitzpolsters in der
Rennhose. Zusätzlich verwenden Radsportler Sitzcrèmes zur Reibungsminimierung
und um Reizungen zu vermeiden.
Für die aufrechte Fahrweise gilt der Umkehrschluss, dass eine umfangreiche
weiche Polsterung am besten ist. Modelle wie der fast flauschig anmutende
„Coast“ in der Relaxed Version (Selle Royal, ca. 34,90 Euro) haben dafür
eine nahezu quadratische Grundfläche mit großen Polstern.
Sitzkomfort forciert die Geschlechtertrennung
Die Radlerin hat sich in den vergangenen Jahren emanzipiert; sie fordert
heutzutage Sättel ein, die nach Stil, Form und Funktion ihrem Geschlecht
entsprechen. Viele Hersteller haben darauf reagiert und bieten verschiedenste
Damenmodelle an. „In der Regel sind Damensättel an der Spitze schmaler, im
Bereich der Sitzknochen breiter und etwas kürzer als Herrensättel“, erklärt
Paccagnella. Er schränkt aber ein, dass nicht jede Frau automatisch einen
Damensattel braucht. „Entscheidend ist, dass frau schmerzfrei sitzt, welchem
Geschlecht der Sattel beim Design zugewiesen wurde, ist dabei
zweitrangig.“
Polsterung: Hightech-Gel bringt Sitzkomfort
Zusammen mit dem Chemie-Unternehmen Bayer hat Selle Royal Mitte der letzten
Dekade ein „Royalgel“ genanntes Spezialgel für Fahrradsättel entwickelt.
Dies geschah auf Basis von Gels für medizinische Anwendungen (z. B.
Langzeitliegepatienten). Es gilt das Prinzip Wasserbett: Man legt sich drauf und
glucks, glucks, passt sich die Matratze so genau an den Körper an, dass dessen
Gewicht völlig gleichmäßig verteilt ist. „Druckspitzen kann es
systembedingt nicht geben – wird das Gel irgendwo stärker eingedrückt,
weicht es aus, bis die Belastung wieder gleichmäßig ist“, erklärt
Paccagnella. Eine ausgeklügelte Kammerung des Gels zu Sektoren auf dem Sattel
sorgt dafür das die Polsterung auch bei langen Touren ihre Form behält.
Eine gleichmäßige Druckverteilung ist aber nur die halbe Miete; ebenso wichtig
ist es, bestimmte Körperstellen möglichst geringem Druck auszusetzen.
Besonders der Intimbereich und die Harnröhre sollen möglichst geringe Last
haben, erklärt Pfeuffer. Die Sattelhersteller begegnen dieser Herausforderung
mit ausgeklügelter Oberflächenform. Das sieht dann etwa so aus, dass der
Sattel hinten breit und üppig gepolstert ist, in der Mitte eine Vertiefung oder
gar eine Aussparung aufweist und vorne an der Nase wieder weich gehalten ist,
bestes Beispiel dafür ist der Ergogel Athletic (Selle Royal, ab 54,90).
„Gewaagt“ sitzen
Der beste Sattel bringt nichts, wenn er falsch eingestellt ist. Fachleute
empfehlen eine genau waagerechte Positionierung, da etwa eine Neigung nach vorne
wieder zu Druck auf den Genitalbereich führt. Für den Komfort und für die
optimale Kraftentfaltung ist es wichtig, dass der Sattel optimal zum Tretlager
steht, dies ist in erster Linie von der Oberschenkellänge des Fahrers abhängig.
Modelle probieren und Einstellungen variieren
„Nicht selten bringen kleine Veränderungen einen großen Effekt“, erklärt
Rolf Häcker vom Sattelstützenanbieter Humpert (www.humpert.com). Etwa eine
Sattelstütze mit Versatz verschiebe den Sattel weiter nach hinten und kann
besonders bei langbeinigen Radlern den gewünschten Sitzkomfort bringen.
Schreckgespenst Impotenz
Die Radprofis mit teilweise über 30.000 Fahrradkilometern pro Jahr sind übrigens
ein gutes Beispiel dafür, dass an den gelegentlich auftretenden Horrormeldungen
über Radler-Impotenz oder Unfruchtbarkeit wenig dran ist – über
Kinderlosigkeit müssen sich nur die wenigsten Tretsportler beklagen. Es soll
sogar Studien geben, die bei der Gruppe der aktiven Radler geringere
Impotenzquoten feststellten, als in der Gesamtbevölkerung.
Renaissance eines Klassikers
Und der gute alte Kernledersattel? Ihn gibt es nach wie vor; bekanntester
Hersteller ist Brooks aus England (www.brooksengland.com). Titangestelle machen
moderne Kernledersättel leicht und neue Gerbmethoden verkürzen das mühsame
Einfahren auf etwa 50 Kilometer (sogenannte „Aged“-Modelle, ab 70 Euro). Und
in Sachen Styling sind die Ledersättel voll im Retro-Trend! Komfort gibt es
quasi gratis dazu! Welcher Radler träumt nicht davon?
15. August 2008