
Neben
serienreifen Fahrzeugen waren viele Prototypen zu sehen, die erst in die
Fertigung gehen, wenn die Philosophie der Hannover Messe erfolgreich umgesetzt
ist: nämlich ein Podium zu bieten, das Entwickler und Industrie zusammen
bringt, was letztendlich die praktische Umsetzung möglich macht und damit den
technischen Fortschritt beschleunigt.

Das
NaWaRo-Fahrrad
Beginnen
wir unseren Messerundgang in Halle 2, wo man auf den Ständen von Universitäten
und Forschungseinrichtungen einen Blick in die Zukunft werfen kann. Hier präsentiert
Bastian Schulz von der Projektwerkstatt der Technischen Universiät Berlin das
NaWaRo-Fahrrad. Hinter dem Kürzel steckt der Begriff „Nachwachsende
Rohstoffe auf zwei Rädern“: Es handelt sich also um ein Fahrrad, das zu einem
großen Teil aus Naturmaterialien besteht.
Dem
Rahmen sieht man sofort an, das er aus hierzulande gewachsenen Bambusstangen
gebaut ist, die mit biologisch abbaubarem Kleber verbunden sind. Die
Schutzbleche bestehen aus Flachs und Naturseidenfasern. Die am stärksten
strapazierten Teile müssen derzeit allerdings noch aus Metall sein.
Da
sich das Fahrrad noch in einem frühen Entwicklungszustand befindet, steht die
eigentliche Optimierungsarbeit an dem 10 bis 12 kg leichten Gefährt noch bevor.
Bastian Schulz: „Wir können sicherlich noch 300 Gramm Gewicht einsparen“.
Weiteres Ziel sei es, „weitere Fahrräder auf höherem technischen Stand zu
entwickeln“, etwa Transporter oder Reiseräder. Nun sucht die Projektwerkstatt
Partner aus der Industrie, die in der Lage sind Werkstoffe und Verfahren zu
optimieren.
Infos:
www.nawaro-fahrrad.de und www.nachwachsende-rohstoffe.de
Am
Stand der Technischen Universität Dresden war wieder der Lastentransporter zu
bestaunen, den ich schon in meinem Bericht über die Hannover-Messe
2010 ausführlich beschrieben habe.

Links: Kick-Boards; rechts: E-Scooter-Prototyp mit Wasserstoffantrieb
Energielieferanten
Bei
der Elektromobilität stehen die verfügbaren Energiespeicher im Mittelpunkt. So
zeigte die ZOZ GmbH aus Wenden bei Siegen unter anderem einen
wasserstoffgetriebenen Roller (Kick-Board) mit dem schönen Namen
„H2Tank2Go“, der eine Reichweite bis zu 120 km möglich machen soll. Daneben
präsentierte das Unternehmen Elektroroller wie den Iongo 1.0 mit
Bleigel-Batterie, der auf der Homepage für für 1.199 Euro angeboten wird. Der
elektrisch angetriebene Rollo isigo 1.0 kostet 299 Euro und erreicht laut
Firmenangabe eine Höchstgeschwindigkeit von 35 km/h bei rund 30 km Reichweite.
Info: www.zoz.de
bzw. http://www.zoz-group.de/zoz.mobility/
Links die nur 85 mm breite
Nabe, die in nahezu jede Gabel passt.
E-Bike-Umrüstsatz
Mit
dem Umrüstsatz der Firma PSS aus Neuenrade lasse sich jedes serienmäßige
Fahrrad in ein Pedelec verwandeln. PSS, von Hause aus ein Batteriehersteller,
zeigte auf der Hannover Messe ein umgebautes Fahrrad der Marke Sundance. Der mit
1690 Euro nicht ganz billige Umrüstsatz besteht aus dem dreistufig regelbaren bürstenlosen
Gleichstrommotor (350 W Peak, 250 W Dauer-Nennlast), dem Akku und diversem Zubehör.
Als Akku kann wahlweise ein Lithium-Ionen- oder ein Lithium-Eisenphosphat-Akku
eingesetzt werden.
Laut
Marketing- und Vertriebsleiter Holger Müller ist das Besondere an dem Umrüstsatz
die geringe Einbaubreite des 1,6 kg wiegenden und 250 Watt leistenden
Nabenmotors von 85 mm. „Dadurch passt er in jedes Vorderrad.“ Der neue fast
fünf Kilo schwere Lithium-Eisenphosphat-Akku erlaube rund 1500 Ladezyklen –
das ist drei Mal soviel wie bei einem Lithium-Ionen-Akku.
Ebenfalls
bei PSS war ein faltbares E-Mountainbike zu sehen (2990 Euro). Das Besondere
laut Holger Müller: „Dank einschaltbarem Freilauf kann es zusammengeklappt
wie ein Einkaufswagen geschoben werden, ohne dass sich die Pedalen mitdrehen.“
Info: www.pss-battery.de

Foto
links:
Stephan Apel (li.) und Sven Glenzer von der Ostfalia-Universität
im niedersächsischen Wolfenbüttel präsentieren
das Velomobil
Milan.
Windschnittige
Rennmaschine
An der Wolfenbütteler Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften wurde das stromlinienförmige Velomobil Milan weiterentwickelt. Mit einem ähnlichen Modell hat der Fahrer Christian von Ascheberg nach Auskunft von Prof. Dr.-Ing. Falk Klinge von der Fakultät Maschinenbau über zwölf Stunden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 55 km/h erreicht und dabei 664,97 Kilometer zurückgelegt. Diese und weitere Rekordfahrten fanden am 31. Juli und 1. August 2011 auf dem Lausitzring statt.
Rekord-Fahrradathlet
Christian von Ascheberg schaffte dazu zwei weitere Rekorde:
1000 Kilometer nach 19 Stunden und 27 Minuten, Durchschnittsgeschwindigkeit:
51,86 km/h !
1219 Kilometer gefahren in 24 Stunden, Durchschnittsgeschwindigkeit: 50,80 km/h
!
Damit
hat der Wolfenbütteler alle bisher aufgestellten Rekorde deutlich übertroffen.
Möglich wurden die ultrahohen Geschwindigkeiten und das nahezu ermüdungsfreie
Fahren durch die gekapselte, stromlinienförmige Verkleidung des Milans sowie
durch den sehr niedrigen Rollwiderstand der Grand Prix-Rennreifen von
Continental.
Auf dem Dekra-Testgelände wurde Geschichte geschrieben. Dabei konnte der Milan
seine Stärken, nämlich den sehr niedrigen Roll- und Windwiderstand sowie
seinen guten Geradeauslauf bei Seitenwind und die stabile Straßenlage, voll
ausspielen.
Möglich
mache dies neben dem Leichtbau die gelungene Minimierung des Luftwiderstandes
durch eine aerodynamische Fahrzeugform. Interessant: Im Windkanal bei Volkswagen
wurde festgestellt, das der Milan bei Seitenwind eine geringere Antriebsleistung
erfordert als bei Windstille. Interessant: Im
Windkanal bei Volkswagen wurde im Winter 2010/11 festgestellt, dass der Milan bei Seitenwind eine
geringere Antriebsleistung erfordert als bei Windstille.
Vermarktet
wird das Gefährt ausschließlich von der Räderwerk GmbH in Hannover. Stephan
Apel, Student an der niedersächsischen Ostfalia in Wolfenbüttel: „Jedes Stück
wird bislang noch ein einzeln aus GFK (Glasfaserverstärktem Kunststoff) bzw.
CFK (Kohlefaserverstärktem Kunststoff) hergestellt. Wir versuchen nun, eine
Form für ein Aluchassis zu entwickeln.“ Das werde auch einen günstigeren
Preis ermöglichen. Ebenfalls umgesetzt wird ein Modell mit E-Motor-Unterstützung.
Infos: www.ostfalia.de und www.raederwerk.com

Der
Elektroroller E-LiOn soll schon 2011 in die Produktion gehen.
Alltagsfahrzeuge
Fahrzeuge
für Jedermann, die vor allem auf den Einsatz in Ballungszentren optimiert
werden, waren beim ICM aus Chemnitz zu sehen. Das Institut Chemnitzer Maschinen-
und Anlagenbau e.V. hat sich der intelligenten Verknüpfung von Elektroauto,
IT-, Strom- und Verkehrsnetzen verschrieben. Ziel ist die „bezahlbare
E-Mobility für Jedermann“. Das Projekt Innvelo - Innovatives Verkehrs- und
Logistikkonzept - schließt
dabei die Lücke zwischen Elektrozweirad und dem PKW in der Stadt. Neun Partner
wirken daran mit, um aus der Vision Wirklichkeit werden zu lassen.
Der
Elektroroller E-LiOn soll bereits 2011 in die Produktion gehen und etwa für
1300 Euro zu haben sein. Reichweite 25 km bei 20 km/h Höchstgeschwindigkeit.
Info: www.innvelo.de
Eine
ganze Palette interessanter Elektrofahrzeuge waren bei E3Mobil zu sehen. Etwa das per Joystick zu steuernde dreirädrige Twike,
das es mit (Modell Active) und ohne
Pedalunterstützung gibt und das ab 23.000 Euro zu haben ist. Damit lassen sich
laut Datenblatt 200 km erreichen sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h.
Angegebene Ladezeit des Lithium-Akkus: unter vier Stunden (80 %). Von diesem
Fahrzeug sind laut Bundesverband Solare Mobilität seit 1996 bereits mehr als
900 Stück ausgeliefert worden. Es verbraucht drei bis acht kWh auf 100 km.
Info: www.twike.com
und www.bsm-ev.de

Das
untere Ritzel enthält das Schmiermittel, das bis zu 2500 km halten soll.
Ständige
Kettenschmierung
Die
Firma Schunk bietet Systeme für die dauerhafte Kettenschmierung bei Fahrrädern
und Motorrädern an. Beim Fahrrad wird ein spezielles Ritzel eingebaut, das den
Schmierstoff enthält. Dieser wird während der Fahrt aufgrund der Reibung ständig
an die Kette abgegeben – laut Firmenangabe sogar bei Regen – und verteilt
sich dort gleichmäßig. Das 20 Euro teure Ritzel soll – abhängig von den äußeren
Bedingungen - 1500 bis 2500 km durchhalten. Beim Motorrad erfolgt die Schmierung
über eine etwa 400 Gramm schwere Schmierschiene, die 6.000 km halten soll.
Info: www.carbonforbikes.com
Durch Induktion lassen sich künftig E-Bike-Akkus nahezu überall aufladen. Vor Restaurants, beim Warten an der Ampel oder in der Garage - ganz ohne Kabelverbindung.
Stromtankstellen
Bei
SEW Eurodrive konnte man sich über die Ladetechnik für Elektroautos und Fahrräder
informieren. Das Bruchsaler Unternehmen präsentierte ein System mit induktiver
Aufladung über den ein- oder zweiarmigen Fahrradständer. Obwohl also keine
Kabelverbindung zwischen Ladegerät und Akku besteht, soll dennoch – bei einem
Wirkungsgrad von 90 Prozent - eine Ladeleistung von 80 Watt erzielt werden.
Für
den E-Biker heißt dies in Zukunft: Fahrrad einfach auf die Induktionsfläche
zum Beispiel vor einem Restautant stellen und während des Mittagessens den Akku
nachladen. Der Ladestart erfolgt automatisch. Das System sei unsichtbar unter
der Asphaltdecke zu montieren, damit unauffällig und „vandalismussicher“,
wie der Hersteller betont. Ähnlich funktioniert das Ladesystem bei den
Elektroautos. Der Strom wird jeweils über Solarzellen erzeugt, deren Energie für
sonnenarme Zeiten zwischengespeichert werden kann.
Info: www.sew-eurodrive.de
Ein
Ladesystem für E-Bikes/Pedelecs zeigte auch das polnische Unternehmen
Ekoenergetyka aus Zielona Góra östlich von Eisenhüttenstadt. Das Konzept für
Fahrradverleiher funktioniert laut Maciej Wojenski so: Die Räder werden mit
einem Zapfen angeschlossen (Bild rechts), über den zugleich die Ladung des Akkus erfolgt. Wer
ein Rad leihen möchte, kauft beim Verleiher, zum Beispiel einem Touristenbüro,
eine RFID-Chipkarte. Damit kann er als registrierter Anwender das E-Bike
freischalten und losfahren. Ist der Akku fast leer, wird das Rad einfach an
einer anderen Ladestation wieder angeschlossen und mit einem anderen
weitergefahren. Wojenski: „Alle Ladestationen können per Internetverbindung
konrolliert werden.“ So lasse sich schnell feststellen, wenn ein Rad gestohlen
wurde oder ein Akku defekt ist.
Derzeit
funktionieren die „bikePoint“-Ladestationen nur mit Rädern des polnischen
Partners (ecoBike). Das System sei „reif für die Produktion“ und sei gemäß
den Anforderungen des Kunden konfigurierbar, etwa mit Solardach zum Aufladen der
Akkus und als größere Station mit Überdachung und Seitenwänden für Werbung. Für
Autos gebe es bereits funktionierende Stromtankstellen in Dresden.
Info: www.ekoenergetyka.com.pl
Links: E-Roller aus Estland; rechts: E-Roller von emco aus Lingen.
Flotte
Flitzer
Neben
den Fahrrädern mit elektrischer Anschubhilfe waren auf der Hannover Messe 2011
auch Elektroroller und –autos zu sehen. Besonders ins Auge stach dabei der von
der Firma Veloelektron OÜ aus Estland konzipierte E-Roller Neutrino MAX, der
laut Datenblatt mit seinem 2-kW-Motor in sechs Sekunden auf sein Maximaltempo
beschleunigt. Die verwendeten LiFePO4-Batterien ermöglichen bei einer Höchstgeschwindigkeit
von 45 km/h nach Herstellerangaben eine Reichweite von 50 bis 60 km. Angegebener
Stromverbrauch für 100 km: 2 kWh.
Info: www.exo-bikes.eu
und www.favor.ee
Ebenfalls
anschauen konnte man sich die flotten Flitzer von emco aus Lingen/Ems, die den Fahrer für einen halben Euro 100 km
weit bringen und ab 1699 Euro zu haben sind. Je nach Akkutyp sind Reichweiten
zwischen 65 und 90 km realisierbar.
Steuer-
und zulassungsfrei, wartungsarm und bei geringen Betriebskosten dürften diese
Fahrzeuge, für die ein Führerschein erforderlich ist, vor allem in unseren Städten
bald häufiger zu finden sein.
Info: www.emco-elektroroller.de

Das
Gocycle (links) ist leicht und faltbar; rechts: Ein E-Bikeboard-Fahrzeug mit
Blaulicht, wie es laut Standmitarbeiter bei der amerikanischen Feuerwehr im Einsatz sein soll. Wohl
eher ein Gag ... Bild rechts: Modellvielfalt am Stand von e-motion
aus Karlsfeld bei München. Das Unternehmen hat schon viele Vertriebspartner in
Deutschland.
Originelle Fortbewegungsmittel
Eine
ganze Palette origineller Fortbewegungsmittel war am Stand der Karlsruher
OrangeBikeConcept GmbH zu sehen. Vom Power Scooter über diverse E-Bikeboarder
wie dem Freeliner und dem Allrounder bis zum Elmoto (siehe Bericht von 2010) hat
die Firma E-Fahrzeuge diverser Hersteller im Programm. Genial das faltbare
Gocycle, das durch einen 250-Watt-Motor auf bis zu 24 km/h beschleunigt und eine
Reichweite bis 32 km verspricht.
Infos: www.e-bikestore.de
Links:
Leichtmofa A2B Metro (2.999 Euro); rechts: Das eSpire von Third Element mit
14-Gang-Rohloffnabe ist mit der
Antriebstechnologie von Clean Mobil aus Unterhaching ausgerüstet. Mehr unter www.clean-mobile.com
Links: Akku aufladen ohne Kabelverbindung - per Induktion; rechts: der Autor im Milan.

Windschnittig und lieferbar: der Milan. Rechts: E-Klappräder.
Copyright für alle Fotos dieser Seite: Dieter Hurcks
Weitere interessante Berichte finden Sie hier: Elektromobilität auf der Hannover Messe 2010